Luftige Höhen - Christakante Wilder Kaiser

Lisa und Marina auf alpiner Tour mit nur wenigen Haken am Wilden Kaiser. 

 

6 Uhr morgens. Draussen sieht es noch kalt aus, obwohl die ersten Sonnenstrahlen schon lange die Gipfel des Wilden Kaisers erwischt haben. Aufstehen? Echt jetzt? Die letzte Stunde tratschen unter einem astreinen Sternenhimmel hätten wir uns besser sparen sollen. Rund um unseren Bus regt sich nichts. Sind die alle schon vor uns los? Oder alle gemütlich unterwegs? Egal. Noch schnell die Rucksäcke gepackt, die gute Kamera muss leider im Auto warten. Sobald wir loslaufen, stellt sich die Vorfreude ein. Auf dem Weg Richtung Ellmauer Tor sehen wir kaum andere Kletterer und sind überrascht. Als Marina die Tour vor ein paar Jahren machen wollte, hätte man ewig anstehen müssen. Wir sind guter Dinge, wandern das letzte Schneefeld hoch und vor uns taucht unser Ziel auf, die Christakante. Direkt neben der Fleischbank ragt sie empor. Die Tour stand eben schon länger auf Marinas Liste und ich war gespannt, wie es mir so mehr oder weniger "ohne Haken" ergehen würde. Die Christakante ist ein alter Klassiker, die Standplätze sind gebohrt, ansonsten ist sie aber sehr spärlich mit Haken versehen. Es gibt zwei Varianten, wir haben uns die etwas schwerere ausgesucht. Als es darum ging, wer welche Seillänge klettert, habe ich mir freiwillig sofort die 6 + Länge geschnappt, die hatte immerhin vier eingezeichnete Haken auf 25 Metern. Die 5er Seillänge danach hat 0,0 Haken auf 40 Metern.

Wir deponieren also unsere Rucksäcke und machen uns bereit. Neben uns tauchen noch drei Jungs auf, sie wollen weiter unten eine Route in der Fleischbank klettern. Das Potenzial an Routen - und Schwierigkeiten - hier oben ist riesig.

Die ersten drei Seillängen laufen wie geschmiert. Wir hatten uns vorgenommen, möglichst viel Friends und Keile zu legen und alles ordentlich abzusichern. Wir waren also langsam, aber immerhin sicher unterwegs. In der vierten Seillänge verklettere ich mich dann zum ersten Mal. Wenn man keine Haken als Anhaltspunkte hat, ist es nicht immer einfach "die logischte Linie" zu finden. Die für mich logischte Linie war falsch. Was auch ein bisschen daran lag, dass in der Rinne, die wir hätten queren müssen, noch jede Menge Schnee lag. Nicht weiter schlimm, in etwas brüchigem 3er Gelände kann man gut wieder abklettern. Nur für die Nerven ist es nicht so fein. Als noch nicht besonders erfahrener Alpinkletterer kommt man dann schon mal kurz ins Zweifeln. Viel Zeit bleibt dafür Gott sei Dank nicht und zwei Seillängen weiter steige ich die wunderschöne 6+ Variante vor (Danke an Marina fürs Überreden). Wahnsinn was ein paar so blitzende Haken ausmachen. Danach folgt Marinas cleane 5. In der sie sich dann ein bisschen verläuft, aber routiniert nach einigem hin und her am nächtsen Standplatz ankommt. Beim Sichern war ich schon ganz froh, dass ich hier nicht die Wegfindung übernehmen muss. Als ich dann den Halbseilen folgend weiterklettere, bin ich umso froher im Seil zu sein. Die zwei großen Friends hat sie zwischen zwei Riesen Schuppen verklemmt, dann kommt ein weiter Spreizschritt zum nächsten Turm, gefolgt von einer kurzen plattigen Passage. Und das alles mit ein paar 100 Metern Luft unterm Hintern. Fallen gibts im Nachstieg auch keines, sich da irgendwie wieder hoch zu prusiken würde ewig dauern. Nach einer gefühlten Ewigkeit und ein paar sehr gewagten Kletterbewegungen komme ich total entgeistert bei ihr an und frage erstmal ob das ihr Ernst ist. Marina lacht und meint nur im Nachstieg erscheint doch immer alles schwieriger.

Danach klettern wir wieder auf der Originalroute. Wir treffen ein Tiroler Pärchen, die ganz begeistert sind, eine Frauenseilschaft zu treffen. Dass das irgendwie besonders sein könnte, daran habe ich gar nicht gedacht. Aber zurückgedacht wen man hier so getroffen hat, waren eigentlich nur Männer unterwegs. Da sind wir dann schon ein bisschen stolz unser eigenes Ding zu machen.

Sie versichern uns noch, dass man die nächsten beiden Seillängen verbinden kann und verschwinden sehr zackig nach oben. Für die letzten Seillängen, überlasse ich dann Marina die Führung. Eines der ersten Male, dass ich es geniesse hinterher zu klettern. Bei ihr sitzt das selber absichern echt gut. Ich muss noch viel mehr darüber nachdenken wo nun was Sinn macht.

Am Gipfel angekommen, geniessen wir nur kurz die Aussicht und machen uns dann zackig auf den Weg. Wir treffen zwei Jungs an der Gabelung, klettern mit ihnen die ersten paar Höhenmeter in leichtem Gelände ab und schaffen es mit nur zwei Mal abseilen bis nach unten - dem hohen Schneefeld sei Dank. Beim Rucksackdepot scheint grade noch die Sonne und wir merken wie hungrig wir sind. Kurz gejausnet und schon verschwindet sie hinter einem der Gipfel. Auf dem Weg nach unten nutzen wir die Schneefelder und rutschen relativ schnell Richtung Gaudeamus Hütte. Mit Zustiegsschuhen und kurzen Hosen zwar ziemlich kalt, aber immerhin zackig.

Auch wenn es von Kempten echt weit zu fahren ist, lohnt sich jeder Ausflug in den Wilden Kaiser - selbst wenn man nur für einen Tag fährt. Und meine Motivation wieder mehr zu klettern und vor allem mehr Alpin zu klettern und meine Grenzen etwas zu verschieben, erhöht sich mit jedem Kurzausflug. Gleichzeitig erhöht sich aber auch die Ehrfurcht und die Gewissheit, dass ich noch mehr können will und muss als einfach "nur klettern". Die Route zu finden und sie absichern zu können sind die Crux - und gleichzeitig das, was es umso spannender macht.