Gratklassiker Salbit Südgrat


Ganz zufällig bin ich über einen Artikel übers Granitklettern in der Schweiz gestoßen. In der Überschrift stand irgendwas von Granitklassikern. Erstmal habe ich das gar nicht so recht beachtet, aber der Begriff Granitklettern hat mein Interesse geweckt. Ziemlich schnell war mein Handy gezückt und ein Termin mit Marina vereinbart um in die Schweiz zum Granitklettern zu fahren. Ich hatte das Salbit Gebiet gewählt, mehr durch Zufall da wir im Winter dort schon zum Skitouren unterwegs waren. Im Nachhinein wurde uns dann erst klar, dass wir einen der großen Klassiker geklettert sind - den Salbitschijen Südgrat.

 

Da alles recht spontan war, war die Hütte natürlich ausgebucht. War uns aber ganz recht, so kamen wir auf die Idee im Salbit Biwak zu übernachten. Ausgerüstet mit Essen für zwei Nächte und der nötgen Biwakausrüstung falls auch das Biwak überlastet sein sollte, zogen wir Freitag Nachmittag los. Schon der Wanderweg zur Salbithütte, die Blicke auf den Südgrat und dann die relativ neu gebaute Hängebrücke auf dem Weg zum Biwak waren die weite Autofahrt wert. Im Biwak trafen wir nur auf zwei zurückgelassene Rucksäcke - die zugehörigen Iren kamen erst um 11 Uhr Nachts vom Westgrat zurück. Da sitzt man dann und hofft, dass die Rucksackbesitzer wohlbehalten wieder auftauchen.

 

Wir selbst hatten beschlossen, lieber den Horden an Kletterern, die wir am Südgrat erwarteten, hinterherzuklettern, als mittendrin zu sein. Deswegen hatten wir morgens keinen Stress, was wir aber am Nachmittag fast noch bereuten. Behangen mit Friends und Keilen wie Weihnachtsbäume stiegen wir in den Südgrat ein. Teilweise waren wir froh, soviel Material dabei zu haben. An manchen Stellen gab es genug Bolts. An jenen Stellen, an denen man selbst gut absichern kann, waren Bolts eher rar gesät.

Der Grat lag frei vor uns, erst weiter oben bei der Schlüßelstelle schlossen wir zu anderen Kletterern auf. Die Kletterei selbst war abwechslungsreich und für mich als Granit-Neuling sowas von ungewohnt - Rissklettern, Füße in Rissen verklemmen, Piazen, Auf Reibung stehen - das volle Programm.

Auf dem Zwillingsturmgipfel legten wir recht unbedarft eine Pause ein, genossen die Aussicht und die Sonne - nur um eine Viertelstunde später zusammen zu zucken, da ein erstes Donnergrollen zu hören war. Das Gewitter hatte sich wohl von hinten angeschlichen, immer schön versteckt hinter dem Salbitgipfel. Vorerst schien es noch weiter weg, doch wir versuchten trotzdem Tempo zu machen. Leichtsinnig stiegen wir nach einer Abbkletter/ Abseilpassage in die ersten Haken ein, die wir sahen. Um so natürlich in der falschen Tour zu landen. Das hies dann erstmal wieder abseilen und die richtige Tour suchen. Schließlich landeten wir gerade noch rechtzeitig beim Ausstieg der Klettertour und beschlossen schleunigst den Rückzug anzutreten. Aus ein bisschen Donnergrollen war ein richtiges Gewitter geworden und wir hatten noch einen langen Abstieg zurück zum Biwak vor uns. Mitten im Abstiegspfad, inmitten eines Couloirs, waren dann die Blitze über uns. Wir schnappten die Klettergurte samt Anhang und ließen alles in der Mitte des Weges liegen - wir selbst versteckten uns unter einem leicht überhängenden Felsen.

Nach mehr als zwei Stunden Rückweg kamen wir triffnass um 9 Uhr Abends wieder ans Biwak. Zwei Reutlinger Jungs, die eigentlich alle Grate an einem Tag machen wollen, waren auch noch eine Nacht da. Sie schafften ihr Unterfangen aufgrund des Gewitters auch nicht, kletterten aber immerhin Ost- und Südgrat und waren vor dem Regen wieder am Biwak. Abends vertratschten wir uns dann und Marina und ich waren irgendwann so müde, dass wir beschlossen am nächsten Tag einfach auszuschlafen - manchmal muss man dann einfach geniessen und mit der Tour zufrieden sein, die man geschafft hat. Am Sonntag waren wir beide tatsächlich einfach zufrieden - frühstückten in der Sonne und beschlossen kurzerhand gemütlich wieder abzusteigen und den besten Kuchen von Göschenen zu essen (ich würde mich fast trauen zu sagen, dass es der beste Kuchen der Schweiz war, zumindest in dem Moment). Kurz spielten wir mit dem Gedanken, noch ein paar der Routen im Klettergarten zu klettern, aber der Südgrat war so beeindruckend gewesen, dass wir es bei dieser Erfahrung belassen haben.

Im Nachhinein betrachtet, tatsächlich ein Klassiker. Und mir wäre es auch ohne das Gewitter Abenteuer genug gewesen.