Herzklopfen

Unser Titelbild zeigt Holger, Lisa und Johannes auf einem der interessantesten Gipfel im Lechtal. Auf diesem Gipfel liegt ein Gipfelbuch von 1978. In diesem Gipfelbuch sind 48 Einträge. 48 Einträge heißt, höchstens 4 Personen pro Eintrag, plus 19 mal taucht der selbe Name auf. Somit können wir ziemlich sicher sein, dass seit 40 Jahren keine 200 Personen hier oben standen. 

 

Solch einen interessanten Berg bekommt man allerdings nicht geschenkt. Der Weg zum Gipfel ist ausgesetzt, brüchig und sehr technisch. Sprich man hat teilweise sehr viel Luft unterm Hintern, oft greift man nach einem vermeintlich gutem Griff und hat ein Stück losen Fels in der Hand und meistens geht man auf allen Vieren.

Auf solch einem Grat klopft einem das Herz. Das ist mal grundsätzlich normal. Allerdings klopft es bei dem Einen etwas mehr und beim Anderen etwas weniger. Ist das eine angeborene Abneigung gegen Ausgesetztheit, bzw. eine in die Wiege gelegte Kühnheit gegenüber jeglichen Ängsten am Berg? 

 

Ich denke, dass man solch ein Herzklopfen mit jedem Genpool deutlich verringern kann. 

Wiederholung schlägt Talent

 

Die Theorie, dass man für so etwas geboren ist, bzw. ein Talent besitzt, halt ich für möglich, aber nicht für exklusiv. Ich bin der Meinung, dass man sich alles mit Übung bzw. mit ständiger Wiederholung einverleiben kann.

 

Die meisten Sportler bewegen sich innerhalb eines Bereiches, in dem sie sich sicher sind, dass sie das was sie tuen auch beherrschen.  Man kann sich diesen Bereich als Blase vorstellen. Eine Blase in welcher sie sich wohl fühlen. Diese Blase enthält alle ihre Fähigkeiten und Reflexe, die ihnen zur Verfügung stehen. 

 

Diese Blase ist aber natürlich nicht unveränderbar. Sie lässt sich durch Übung ausweiten und das Wohlbefinden in unbehaglichen Situationen wächst stetig weiter. 

Allerdings muss man für wirkliche Fortschritte  immer wieder einen kleinen Schritt an den äußeren Rand seiner Komfortblase wagen. 

 

Das ganze kann man über Jahre aufbauen und sich Schritt für Schritt vorwagen, grundsätzlich wird man automatisch seine Komfortblase weiten, da mann immer wieder einen wagemutigen Moment hat. In diesen Momenten traut man sich unbewusst aus seiner Blase und erweitert sein Können Schritt für Schritt. 

 

Aber es geht auch schneller. 

 

Nach unserer oben erwähnten Gipfelbesteigung habe ich mir das Herzklopfen bewusst vorgenommen. Ich bin innerhalb von 10 Tagen vier kleine und große anspruchsvolle Touren gegangen und hab das Herzklopfen extrem runterschrauben können.  

 

Dazu habe ich mir vier knackige Touren ausgesucht. Diejenigen, die ich kannte habe ich diesmal allein gemacht und schwierige Touren die ich noch nicht kannte mit einem Bergpartner. 

Allein oder im Team. 

 

Manchmal ist es besser schwere Sachen allein zu machen. Ich hab mir einen Grat ausgesucht, den wir schon vor einem halben Jahr gemacht haben. Ich kannte den Weg und ungefähr was auf mich zukommt. Beim letzten Mal bin ich den Grat mit viel Herzklopfen gestartet. Damals waren wir einen Gruppe von 3 Leuten. Diesmal bin ich allein los gezogen.

Beim alleine Gehen geht man sein eigenes Tempo, keiner zieht von vorn oder drückt von hinten. Keiner muss auch auf einen Anderen warten und seinen runden Tritt unterbrechen. So behält man alleine vor allem seinen eigenen Rhythmus konstant bei. 

 

Und jetzt kommt noch eine Besonderheit, die man sich selbst meist nicht eingesteht. Dem Einzigen, dem man etwas beweisen muss und kann ist dem einen Kopf.

Grundsätzlich würde ich von mir behauten, dass ich nicht das Gefühl habe jemanden etwas beweisen zu wollen, wenn ich einen Gipfel erklimmen will. Allerdings schwingen genau solche Dinge unterbewusst in einer besondern Situation immer mit. Bei manch einem Schritt hätte man gezögert, wenn man allein gewesen wäre. Steht jetzt einer hinter einem geht man ihn, auch wenn man noch nicht den perfekten Stand hat.

Grundsätzlich im Bergsport, aber besonders beim bergauf Radfahren, gibt etwas es ähnliches. Den sehr witzigen Kodakeffekt. Kommen einem Wanderer auf einem steilen Bergaufstück entgegen, erhöht sich immer unbewusst die Trittfrequenz. Der Kopf will, ohne unser Zutun, dem Wanderer zeigen, dass man fit ist und lässt die Beine in einer beeindruckenden Frequenz nach oben treten. Wer das noch nicht beobachtet hat, sollte mal drauf achten, wenn er das nächste Mal mit Freunden in einer gut frequentierten Gegend bergauf fährt.

 

Um mich selbst weiter aus meiner Komfortzone zu bringen, gehe ich deshalb gerne alleine an den Berg. Ich gehe mein eigenes Tempo, stecke mir meine eigenen Ziele und mache den Berg ausschließlich für mich. 

In wie weit es besonders schlau ist,  außerhalb seiner Komfortzone allein in den Bergen unterwegs zu sein ist natürlich eine andere Frage. :) Aber das gehört eben auch irgendwie zum Abenteuer Berg dazu.