Allgäuer Haute Route

Auf einer Berghütte übernachten ist etwas Besonders. In den Bergen schläft es sich anders, man lässt den Alltag im Tal zurück, die Luft ist klarer und der Stadtlärm ist weg.

Im Winter ist eine Nacht auf einer Berghütte nochmals intensiver. Der Hüttenwirt ist nicht anwesend, geheizt wird selbst und nur mit Holz. Wasser zum Kochen und Trinken muss aus Schnee geschmolzen werden. Und man weiß nicht ob man ganz allein im sogenannten Winterraum schläft oder ob er aus allen Nähten platzt. Der Winterraum ist meist ein separater kleiner Teil einer Berghütte der für Übernachtungen in der Zeit, in der die bewirtschaftete Hütte geschlossen ist, gedacht ist. Im Winterraum findet sich meist ein kleiner Hexenofen, den man mit Feuerholz anheizt, einige Küchenutensilien, ein Tisch mit ein paar Stühlen und ein Matratzenlager.

 

Auf Lisa´s Wunschliste für diesen Winter stand eine Skitour mit Übernachtung auf einem Winterraum und damit es sich auch wirklich lohnt haben wir uns gedacht, wir machen gleich zwei Nächte draus und gehen die „Allgäuer Haute Route“. 

Diese Route führt uns am ersten Tag von der Bergstation am Nebelhorn auf den Großen Daumen. Von dort fahren wir zum bewirtschafteten Giebelhaus im Hintersteiner Tal ab, um anschließend zu unserem Nachtlager aufs Prinz- Luitpold-Haus aufzusteigen.

Am zweiten Tag steigen wir am frühen Morgen zur Bockkarscharte auf und fahren über einen Paradehang ins unbewohnte Schwarzwassertal ab. Hier wird wieder aufgefellt und es geht den Nachmittag über mit Ski an den Füßen hinauf zur Landsberger Hütte. An dieser Stelle tragen wir allerdings an diesem sonnigen Wochenende unsere Ski die ersten 400 Höhenmeter über die schneefreien Südhänge Richtung oben.

Auf der Landsberger Hütte wird nochmals übernachtet und am frühen Morgen werden wir wieder auffellen und nochmals einen kurzen Aufstieg und einen lange Querung angehen um abschließend eine unserer Lieblingsabfahrten ins Tannheimer Tal zu absolvieren.  Endpunkt ist dann der Haldensee.

 

Das Wetter ist uns die ersten zwei Tage richtig gut gestimmt, der Himmel ist frei von Wolken, die Sonne scheint von morgens bis abends und wir müssen uns definitiv keine Sorgen um unerwartete Wetterumschwünge machen.

 

Die Schneeverhältnisse sind auf Grund der viel zu warmen Temperaturen der letzten Wochen sehr wechselhaft. Wir haben auf der ganzen Tour immer wieder mit den unterschiedlichsten Bedingungen zu kämpfen. Im Schatten haben wir teilweise stark vereiste Aufstiege. Alles was zu lang in der Sonne lag, ist extrem sulzig, und damit ebenso schwierig zu gehen wie die vereisten Stellen, da der nasse Schnee unter den Skiern nicht hält und bei Belastung talabwärts rutscht. Die großen Nordhänge sind noch voll mit Pulverschnee und bescheren uns tolle Abfahrten. Richtung Tal wird der Schnee erst sulzig – und somit richtig schön zu fahren und dann so matschig, dass er so stark abbremst, dass wir kaum vorwärts kommen.

 

Im ersten Teil der Tour begleitet uns eine Freundin bis zum Giebelhaus. Gemeinsam geniessen wir den Ausblick vom Großen Daumen und drei ordentliche Portionen Kässpatzen. Nach einem landschaftlich wunderschönen Aufstieg zum Prinz-Luitpold-Haus, kommen wir in einen schon vorgeheizten Winterraum. Vorgeheizt ist er, da schon einige Skitourengeher vor uns aufgestiegen sind. Es wird bis zum Einbruch der Dunkelheit noch eine weitere große Gruppe folgen und der in einem separaten pyramidenförmigen Gebäude untergebrachte Winterraum des Prinz-Luitpold-Haus wird bis auf die letzte Matratze im Lager belegt sein.

Dadurch ist der Abend am Hüttentisch sehr unterhaltsam, die Nacht aber eher etwas unruhig. Abwechselnd scheint immer ein Tourengeher aus vollem Herzen zu schnarchen – manchmal schaffen sie es auch im Kanon. Aber das gehört eben zu einer Hüttenübernachtung dazu.

 

Amüsant ist der Mix an Tourengehern an solch einem Hüttenabend. Meist ist vom Schneeschuhgeher bis zum überambitionierten Höhenmeter schluckenden Skitourengeher alles dabei. Und so unterschiedlich die sportlichen Leistungen sind, so sind es auch die Charaktere, die sich dort oben begegnen.

Aber das Schöne ist, etwas Besonderes ist eine Nacht im Winterraum für jeden und so kommen alle auch immer irgendwie gut ins Gespräch.

 

Unser Tag Zwei beginnt sehr früh. Wir müssen zeitig los, um von der Bockkarscharte schon vormittags abfahren zu können. Denn an sonnigen Tagen steigt die Lawinengefahr genauso schnell an wie die Temperaturen. Bevor wir aufbrechen, machen wir noch einen Kaffee auf unserem kleinen Gaskocher. Ich stecke eine angebrochene Kerze in ein Yes-Törtchen. Und Lisa bekommt von allen ein Geburtstags Ständchen gesungen. Denn sie hat in der Nacht nicht nur schlecht geschlafen, sondern auch ihr 33. Lebensjahr erreicht. 

Wir verlassen nun gut gelaunt den Winterraum und machen uns auf Richtung Scharte.

Ab hier werden wir keinen Menschen mehr auf unserer Tour treffen. Bis zum Luitpold-Haus sind die Hänge gut erreichbar und sehr beliebt unter Skitourengehern, aber die Überschreitung der Bockkarscharte fordert von jedem Skitourengeher nochmals einen langen Aufstieg auf sich zu nehmen, um aus dem einsamen Schwarzwassertal wieder raus zu kommen. Und das nimmt kaum jemand auf sich.

 

Der Schnee im Aufstieg ist noch gefroren und wir kämpfen uns etwas unkommod nach oben. Aber es lohnt sich. Durch die Kälte am Morgen und den Schatten, den die Berge auf unseren Hang werfen, wissen wir mit einem Blick, dass uns mindestens die Hälfte der Abfahrt ins Schwarzwassertal richtig guter Schnee erwartet.

Nach der ersten Hälfte und wie erhofft feinstem Powder, pausieren wir auf einem in die Berge gepflanzten Kunstwerk: Ein riesiger Beton Cubus. Ob das Kunst ist oder weg kann ist in diesem Fall hinfällig, da das Ding so schwer ist, dass es wohl für immer dort oben stehen wird. Wir nehmen es als übergroße Bank und machen uns mit unserem kleinen Kaffeekocher ein feines Heißgetränk. So lässt es sich gut abwarten bis die restliche Abfahrt noch etwas aufsulzt. Sprich der Schnee den Übergang von gefrorenem hin zu matschigem, aber gut fahrbarem, Schnee schafft.

 

 

Nach dieser sulzigen Abfahrt stehen wir - von der Zivilisationsseite gesehen - am letzten Ende des Schwarzwassertals. Das Schwarzwassertal zweigt vom Lechtal ab und ist eines der wenigen unbewohnten Täler. Hierher führt im Sommer nur eine Schotterstraße und treffen wird man selbst bei bestem Wetter kaum eine Menschenseele.

 

Hier unten verlangen die Hitze, das Tragen der schweren Rucksäcke und die Länge der Tour dem Körper mittlerweile einiges ab und der hätte im Gegenzug dazu gerne viel Wasser. Leider ist genau das Mangelware auf einer Mehrtagestour im Winter. 

Denn wer Wasser trinken möchte, der muss erstmal Schnee zum Schmelzen bringen bzw. abkochen.

Dazu muss man abends Schnee mit einer großen Schöpfkelle in einen Topf schaufeln, den Hexenofen einschüren und den Schnee zu Wasser zerschmelzen lassen. Das abgekochte Wasser füllt man schlussendlich in Flaschen ab und ist theoretisch gerüstet für den nächsten Tag am Berg. Wenn man noch nie Schnee geschmolzen hat, ist einem nicht klar welche Mengen an Schnee für einen Liter Wasser von Nöten sind und wer noch nie einen Hexenofen einschüren musste, weiß auch nicht, dass es sehr lange braucht bis der Ofen heiß genug ist um Wasser zum kochen zu bringen.  

 

Wir haben auf alle Fälle aufgrund der Hitze einen Großteil unseres Wassers schon verbraucht. Hier unten im Tal fließt zwar in den frei getauten Flüssen klares Wasser, aber es liegen leider auch tote Gämsen in den verzweigten Flussläufen. Bzw. auf alle Fälle eine, die wir gleich oben am Flusslauf drin liegen gesehen haben. Aber da uns das Wasser bei der Hitze langsam zur Neige geht, und wir gerne eine Notration für später dabei hätten, haben wir uns dazu entschlossen Wasser aus einer Regenrinne zu nutzen - in der Hoffnung, dass oben kein toter Vogel drin liegt.

Der Aufstieg zur Landsberger Hütte ist zwar weit, aber eigentlich recht kommod, da die Hangneigung nicht all zu steil ist. Allerdings fehlt uns wie vorhin schon erwähnt, etwas Wichtiges zum Skitourengehen: der Schnee. Die ersten 400 Höhemeter vom Tal aus sind leider fast komplett schneefrei. Deshalb schnallen wir uns die Skier auf den Rücken und kämpfen uns mit dem extra Gewicht auf dem Rücken durch den schönen lichten Nadelwald, um schlussendlich nach ca. einer Stunde den Winter wieder zurück zu haben.

Ab der Baumgrenze ist der Weg zur Landsberger Hütte wieder ein Genuss fürs Auge. Nichts wirkt hier oben schroff, viel eher ist alles wie im Hobbitland abgerundet und fließend.  

 

Auf der Landsberger Hütte sind wir, wie schon erwartet, ganz allein im Winterraum. Das ist definitiv der Traum auf einer einsamen Durchquerung. Zwar ist es erstmal kalt, wenn man ankommt, aber dafür ist der Platz am Fenster immer frei. Und der Schlaf – ganz ohne nervige Nebengeräusche.

 

In der Nacht schwenkt das Wetter um und am nächsten Morgen ist der strahlend blaue Himmel Geschichte. Es ist bedeckt, der Wind bläst stark und Graupelschauer ziehen immer wieder über uns hinweg.

Für unseren Aufstieg ist das Wetter allerdings gar nicht so schlecht. Am Tag zuvor hatten wir durch die klare Nacht stark abfallende Temperaturen und einen eisigen Aufstieg. Und diese Nacht hindurch war der Himmel bedeckt und die Wärme konnte nicht abziehen. So haben wir selbst in der Früh einen weichen Untergrund zum Aufsteigen und kommen ohne Harscheisen gemütlich nach oben.

Die Traverse bis zu unserer Abfahrt kennen wir ganz gut vom Mountainbiken im Sommer, allerdings ist aus dem gemütlichen Weg eine steil abfallende Querung geworden. Diese ist zwar immer noch fahrbar, aber vorgestellt haben wir es uns definitiv einfacher. 

Nach den zwei langen Tagen freuen wir uns nun auf eine unserer Lieblingsabfahrten im Tannheimer Tal. Wir kombinieren hier oben oft eine Liftfahrt mit einer kurzen Skitour, die uns einige kleine Rinnen und zwei großen Paradehängen beschert. Der Schnee ist zwar an diesem Morgen durch die warme Nacht nicht das Beste was wir an diesen Hängen jemals erlebt haben.

Aber mit so einem stolzen guten Gefühl standen wir bis jetzt auch nur selten nach dieser Abfahrt am Haldensee im Tannheimer Tal.